Über 9.000 Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen allein in Vitos-Klinik - Tendenz weiter steigend
Kooperationen in Psychiatrieversorgung funktionieren in Stadt und Kreis gut - Gesundheitsdezernent Oßwald besucht Vitos-Klinikum Gießen-Marburg in Licher Straße
Gießen. Psychiatrische Erkrankungen nehmen mit dem wachsenden Druck in der Gesellschaft oder auch deren zunehmenden Alterung deutlich zu. Über 6000 ambulante und 3100 stationäre Behandlungen werden jährlich alleine in der größten psychiatrischen Einrichtung der Region, der Vitos-Klinik Gießen-Marburg in der Licher Straße in Gießen, behandelt. Die Tochtergesellschaft des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen betreibt die Einrichtung mit dem 280.000 Quadratmeter großen, parkähnlichen Gelände mit insgesamt 263 Betten bzw. Plätzen. Behandelt werden hauptsächlich Patienten aus Stadt und Landkreis Gießen auf hohem fachmedizinischen Niveau, wie sich der neue Gesundheitsdezernent des Kreises, Dirk Oßwald (Freie Wähler), kürzlich bei seinem Antrittsbesuch erklären ließ. Der stellvertretende Geschäftsführer Albrecht Trenker begrüßte Oßwald und die Leiterin des Fachbereichs Gesundheit in der Kreisverwaltung, Dr. Barbara Breitbach, in den Räumlichkeiten der Klinik, die in direkter Nachbarschaft zum neuen Standort der Kreisverwaltung Gießen am Riversplatz liegen und derzeit mit zweistelligem Millionenaufwand baulich völlig neu gestaltet werden.
Wie Breitbach und Oßwald erfuhren, hat sich das Vitos-Klinikum Gießen-Marburg in den vergangenen Jahren einem enormen Wandel unterzogen. Es wurde gezielt am Image und an der Zukunftssicherheit der Einrichtung gearbeitet. „Wir haben nicht nur systematisch an der Öffnung des Geländes gearbeitet, sondern auch Berührungsängste in den Köpfen der Menschen abgebaut“, berichtete Trenker. Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit, Vorträgen, monatlichen Konzerten in der klinikeigenen Kapelle und Tagen der offenen Türen präsentiert sich die Klinik, die im Volksmund immer noch als „Hoppla“ oder symbolisch als „Licher Straße“ bezeichnet wird, offen und patientenorientiert.
Oßwald nutzte die Gelegenheit und ließ sich vor Ort am Beispiel von zwei Stationen die konzeptionelle Arbeit der modernen Fachklinik erläutern. Da in der Vitos-Klinik das gesamte Spektrum psychiatrischer Störungen behandelt wird, sind die Abteilungen sehr differenziert aufgestellt. Osman Cevik führte die Besucher zunächst über die Station, in der Demenzerkrankungen behandelt werden. Anschließend erklärte Nicole Klingenberger beim Rundgang durch Haus 9, der Allgemeinpsychiatrie, wie nach modernen Methoden Psychosen behandelt werden. Generell gilt für Arbeit der Vitos-Klinik, dass tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Ansätze und Psychotherapien verfolgt werden. Psychopharmakotherapien nach neusten Erkenntnissen ergänzen im Bedarfsfall die Behandlung, erfuhren die Besucher.
Dem bedeutenden Psychoanalytiker und ehemaligem Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin, Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter, und seiner Pionierarbeit sei zudem eine gute Vernetzung zwischen Therapeuten, Beratungsstellen, Einrichtungen zum betreuten Wohnen und anderen Hilfskräften in Gießen und Umgebung zu verdanken.
Bei einem Rundgang über das weitläufige Klinikgelände wurde auch die Baustelle in Augenschein genommen. 2013 soll ein Neubau bzw. Erweiterungsbau der Häuser 6 und 6a fertig gestellt werden, der einen Großteil der Stationen in einem Komplex vereint und somit viele Synergieeffekte entstehen lässt. Trenker erläuterte dem Gesundheitsdezernenten, dass der Umbau derzeit im laufenden Betrieb stattfindet und bereits jetzt nach Möglichkeiten für eine Nachnutzung der frei werdenden Gebäude gesucht wird. „Wir würden uns über eine Nutzung aus dem sozialen Bereich freuen“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer, der sich für Ideen aus dem kommunalpolitischen Bereich dafür offen zeigte.
Dem drohenden Fachkräftemangel im medizinischen und pflegerischen Bereich wirkt das Klinikum mit eigenen Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die rund 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entgegen. In der Vitos-Schule für Gesundheitsberufe Oberhessen werden Gesundheits- und Krankenpfleger ausgebildet. Jährlich beenden 22 Schüler von Vitos Gießen-Marburg ihre Ausbildung. „Die Krankheitsbilder werden immer differenzierter. Zudem werden die Fallzahlen in den nächsten Jahren weiter steigen. Deshalb muss bereits heute ausreichend Fachpersonal ausgebildet werden, um einem drohenden Fachkräftemangel entgegen steuern zu können. Vitos geht hier mit einem guten Beispiel voran“, sagte Oßwald.
Die zukünftige ärztliche Versorgung ist einer von mehreren Schnittpunkten zwischen dem Klinikum und dem Landkreis Gießen. Neben der Hygieneaufsicht nimmt der Landkreis auch die Rolle des Kooperationspartners bei der Frage nach der zukünftigen Ausrichtung der Versorgungsstruktur in Stadt und Landkreis Gießen wahr. „Bei der medizinischen Versorgung ist nicht nur das Vorhandensein von Hausarztpraxen, sondern auch von psychiatrischen Facharzt- und Therapiepraxen und fachspezifischen Kliniken wichtig“, unterstrich Oßwald zum Schluss seines Besuches. Über die Regionalkonferenzen hinaus will man darüber hinaus künftig die Nachbarschaftsverhältnisse pflegen und sich gemeinsam weiter für den Erhalt der guten psychiatrische Versorgung der Bevölkerung im Landkreis – zentral wie in der Fläche – stark machen.








